Thomas Adès (Foto: Gaëtan Bally)
Creative Chair Thomas Adès

Poesie statt Pose

Er hat das vielleicht begehrteste Opus 1 der letzten Jahrzehnte komponiert, ein Bildnis von ihm hängt in der National Portrait Gallery London. Und er hat etwas erreicht, wovon viele träumen: Arbeiten ohne Deadlines. Ein Annäherung an Thomas Adès, unseren Creative Chair 2O25/26.

Ulrike Thiele

Es ist ein geschenkter Spätsommertag im September – die erste intensive Arbeitsphase mit unserem neuen Creative Chair: Masterclass an der ZHdK, Proben für die Saisoneröffnung und für die Kammermusik mit unseren Musiker*innen, Foto- und Pressetermine. Wir verbinden das Interview mit einem Ausflug zum See – und Thomas Adès beobachtet begeistert das bunte Treiben auf der Rentenwiese. Zwei Kleinkinder mit Leuchtbändeln führen ein Krabbelballett auf. «Das ist herrlich», lacht er, «ich würde zu gern die Musik dazu schreiben.»

Thomas Adès hat zweifellos ein Gespür für alles Theatralische – ob in Alltagssituationen oder auf den internationalen Bühnen. Seine Oper «Powder Her Face» bescherte ihm 1995 den Durchbruch. Seitdem zählen seine Werke zu den meistgespielten und begehrtesten Kompositionen der Gegenwart. Aber bereits sein Opus 1, «Five Eliot Landscapes» für Sopran und Klavier, war heiss umworben: Adès war erst 18 Jahre alt, und gleich drei Verlage buhlten darum, das Stück zu veröffentlichen.

Bis heute stehen die Auftraggeber bei ihm Schlange. Und die ist so lang, dass er einen Entschluss fasste: Komponieren ohne Deadlines. «Ich war 35 Jahre ständig unter Termindruck. Irgendwann habe ich dann einfach aufgehört, Aufträge anzunehmen. Und schliesslich, eines Tages, hatte ich alle Aufgaben auf meiner Liste erledigt und war frei. Das war sehr schön, morgens aufzustehen. Ich habe genauso und genauso viel gearbeitet wie zuvor, als ich noch Termine einhalten musste, aber es war grossartig, für eine Weile diese Freiheit zu haben.»

Der richtige Moment

Auch unser Fokus-Künstler Kirill Gerstein wusste, dass Adès eine lange To-Do-Liste hat. Er fragte ihn dennoch, ob er ein Klavierkonzert schreiben könnte – und wurde 2018 belohnt. Ein Jahr später spielte er die gefeierte Uraufführung in Boston. «Kirill hat einfach im richtigen Moment gefragt», erinnert sich Adès. Nun präsentieren sie das Werk gemeinsam in Zürich.

Beide verbindet eine tiefe Künstlerfreundschaft, sie sind begeistert vom Tun des jeweils anderen. «Er ist einer der natürlichsten Musiker», schwärmt Adès über Gerstein. «Er ist auch Jazzmusiker, er hat Jazz studiert. Aber gleichzeitig ist er ein echter Virtuose der alten Schule. Er kann sich hinsetzen und diese Stücke spielen, die Brahms-Konzerte, das Busoni-Konzert. Er ist dabei absolut authentisch. Doch er interpretiert diese Werke so, als wären sie eine Improvisation, als wären sie Jazz. Das ist es, was ihn ausmacht.»

Diese organische Nähe zur Musikgeschichte zeichnet auch Adès’ Musik aus. Es sind keine zur Schau gestellten Zitate, sondern man spürt, dass er sie zutiefst verinnerlicht hat und spielerisch aufblitzen lässt. Prägend war eine frühe Begegnung mit dem Komponisten György Kurtág: Mit 18 Jahren ging Adès nach Ungarn, um bei ihm in Szombathely zu studieren. Beim dortigen Festival erlebte er Aufführungen vieler Lieder auf Ungarisch – «und ich hörte nicht nur die Aufführungen, sondern auch, wie er mit den Sängern an den Liedern arbeitete, die aus sehr kurzen Texten bestanden. Ich lernte, zu verstehen, wie die Sprache klingt, wie sie aufgebaut ist, und das ist mir geblieben.»

Im September 2025 probte Thomas Adès mit Musiker*innen des Tonhalle-Orchesters Zürich. (Foto: Gaëtan Bally)
Geprobt wurde Thomas Adès' Liederzyklus «Növények». (Foto: Gaëtan Bally)
Ungarisch sei eine fantastische Sprache für die Musik, sagt Thomas Adès. (Foto: Gaëtan Bally)
... «weil sie kristallklar ist, diesen kraftvollen Rhythmus und diese kraftvollen Bilder hat». (Foto: Gaëtan Bally)

Bis heute hat das Ungarische einen besonderen Stellenwert für Adès: Das war zu Beginn der Saison in der Kleinen Tonhalle zu hören, wo er als Pianist zusammen mit fünf Streicher*innen und einer Mezzosopranistin seinen Zyklus «Növények» aufführte. «Es ist eine fantastische Sprache, um sie zu vertonen, weil sie kristallklar ist, diesen kraftvollen Rhythmus und diese kraftvollen Bilder hat.» Gerade kürzlich habe er wieder Lieder auf Ungarisch vertont, aktuell arbeite er mit deutschen Gedichten – das liege an der passenden «Geometrie»: «Diese Sprachen eignen sich in ihrer Poesie besser für meine Musik. Selbst in poetischem Englisch gibt es eher viele kleine, komplizierte Konversationswörter. Im Deutschen kann man hingegen Dinge zu einem Wort zusammenfassen. Das ist für meine Art, musikalisch zu denken, einfach passender als meine Muttersprache Englisch.»

Aus dem Bild geschlängelt

In seiner Heimat wird der britische Komponist verehrt. Seit 2002 hängt sogar ein Gemälde von ihm in der National Portrait Gallery – jedoch kein klassisches, auch kein heroisierendes. Es gibt verschiedene Anekdoten zu diesem Bild, das Phil Hale gemalt hat: Zum Beispiel berichtet Adès belustigt davon, dass er zu dieser Zeit immer helle Anzüge trug, weil er das Aldeburgh Festival leitete, eines der bekanntesten Sommerfestivals in England. «Ich besass zwei Anzüge, aber ich hatte die eine Jacke ruiniert. Da es sich um einen offiziellen Termin, ein formelles Porträt handelte, dachte ich, okay, dann muss ich einen Anzug tragen. Also nahm ich die Jacke des einen Anzugs und die Hose des anderen.» Doch die Farbnuancen fielen dem Maler auf und er hielt sie fest. «Er ist ein aussergewöhnlicher Künstler, ich liebe alles an diesem Bild. Man sieht einen Mann in einem Anzug – aber auch, dass das ganz und gar nicht jemand ist, der einen Anzug trägt und Direktor eines Festivals ist. Das war absolut richtig.»

Ausserdem hat Phil Hale den Komponisten in einer Haltung eingefangen, die überrascht – denn es ist kein stolzes, repräsentatives Posieren. Stattdessen hängt Adès in einem Sessel, fliesst geradezu aus ihm heraus: «Ich sehe aus, als würde ich versuchen, mich aus dem Bild zu schlängeln. Und jeder, der mich kennt, weiss, dass das genau mein wahres Porträt ist.» Uns zuliebe hat er auch ein paar offizielle Fotos für dieses Magazin gemacht – beim nächsten Besuch verschonen wir ihn vielleicht.

Kirill Gerstein über Thomas Adès’ Klavierkonzert

«Ich kenne Thomas Adès seit fast zwanzig Jahren, wir sind eng befreundet und schon oft zusammen aufgetreten: in Orchesterkonzerten, die er dirigiert hat, oder als Klavierduo. Das Konzert, das er 2018 für mich geschrieben hat, bedeutet mir viel. Ich spüre darin die Verbindung zwischen uns – und vielleicht ist sie auch für das Publikum spürbar.

Aus meiner Sicht ist es eines der wichtigsten und besten Klavierkonzerte, die in den letzten 70 Jahren entstanden sind. Es steht in einer Reihe mit den Konzerten von Prokofjew und Ravel, aber gleichzeitig schaut es sehr entspannt nach links und rechts. Adès ist tief verbunden mit der Musikgeschichte, er ist geradezu enzyklopädisch in seiner Kenntnis – doch er hat sein eigenes Prisma, durch das dies alles beleuchtet wird. Dieses Konzert nimmt formal vieles aus der Tradition auf: die dreisätzige Struktur, die Kadenzen, den langsamen zweiten Satz. Das Publikum kann sich deshalb leicht orientieren. Aber trotzdem ist die Musik kein bisschen populistisch, man kann das traditionelle Modell hier ganz neu erleben.

Die Uraufführung 2019 in Boston war ein Erfolg, nicht nur beim Publikum; die Nachfrage war auch von Seiten der Veranstalter ungewöhnlich gross. Inzwischen habe ich das Konzert rund 80 Mal interpretiert, oft unter der Leitung des Komponisten. Doch es bleibt eine Herausforderung: Es ist sehr virtuos, sehr rhythmisch. Nach einer Aufführung fühlt man sich ähnlich wie nach einem Rachmaninow-Konzert: Man hat etwas gespielt.»

Juni 2026
So 28. Jun
17.00 Uhr

Kosmos Kammermusik: Thomas Adès & Kirill Gerstein

Thomas Adès Klavier, Kirill Gerstein Klavier Adès, Ligeti, Messiaen
Do 25. Jun
19.30 Uhr

Thomas Adès & Kirill Gerstein

Tonhalle-Orchester Zürich, Thomas Adès Leitung, Kirill Gerstein Klavier Sibelius, Adès, Ravel, Adès
Mi 24. Jun
19.30 Uhr

Thomas Adès & Kirill Gerstein

Tonhalle-Orchester Zürich, Thomas Adès Leitung, Kirill Gerstein Klavier Sibelius, Adès, Ravel, Adès
veröffentlicht: 15.06.2026