Igor Levit, Lukas Sternath (Fotos: Peter Rigaud, Thomas Rabsch)
Igor Levit als Lehrer

Die Suche nach Verbundenheit

Igor Levit bezeichnet sich selbst als Bürger, Europäer, Pianist. Seit 2019 ist er auch Lehrer, als Professor an seiner Heimathochschule in Hannover. Einer seiner Meisterschüler ist Lukas Sternath.

Ulrike Thiele

Man muss kein Klavier-Aficionado sein, um Igor Levit zu kennen. Denn man kann ihm auch in den Hauptnachrichten begegnen, wenn es um die grossen Themen des Weltgeschehens geht; bei Fernsehshows, wo das nächste Bühnentalent gesucht oder bissige Satire verhandelt wird; bei Demonstrationen gegen den Klimawandel; bei politischen Veranstaltungen als Aktivist gegen Antisemitismus oder Opportunismus und für die Demokratie. Sein «Freiheitsort» sei aber nach wie vor – und immer mehr – die Bühne, sagte Levit kürzlich in einem Porträtfilm des Bayerischen Rundfunks: «Bühne ist seelische Erholung, fast schon körperliche.»

Diese hat er dringend nötig. Denn kaum ein Musiker unserer Zeit zeigt sich so veränderlich und lässt uns daran teilhaben – an seinem Zweifeln, seinem Suchen, seinem Getriebensein, künstlerisch wie menschlich. Genau deswegen berührt und fasziniert er uns so. Zugleich tritt er für seine Werte ein, mit einer Deutlichkeit, die uns Bewunderung abverlangt – und ihn für andere zur Zielscheibe macht. Die Ereignisse der letzten Jahre, vor allem seit dem Terrorangriff der Hamas im Oktober 2023, haben ihn verändert und sein Bewusstsein für seine jüdische Abstammung vertieft. Was in seiner Kindheit kaum eine Rolle gespielt hat, bestimmt nun mehr und mehr seinen Alltag. Freundschaften und Verbindungen wurden mit einem Mal in Frage gestellt. «Das Fundament » in seinem Leben war und ist aber die Musik. Und sie ist es auch, die neue Verbündete bringt.

Das Lehrer-Schüler-Miteinander

Als Lukas Sternath 2024 mit Schumann und Schubert in unserer Série jeunes debütierte, wurde schnell klar, dass da einer etwas zu sagen hat. Wenn man ihn heute reden hört, beispielsweise Anfang dieses Jahres in einem Podcast von BR Klassik, bekommt man eine Ahnung davon, wie die Gespräche im Unterricht zwischen Igor Levit und Lukas Sternath ablaufen könnten.

«Igor Levit kann mir sagen: Diesen Weg bin ich mal gegangen, er war nicht gut für mich.»

Lukas Sternath

«Es geht sehr viel um Klangvorstellungen im Kopf – und darum, wie ich das auf das Instrument übersetze. Er hat wahnsinnig viel Erfahrung», erzählt Lukas Sternath über seinen Lehrer. «Und er kann mir sagen: Diesen Weg bin ich mal gegangen, er war nicht gut für mich. Ich kann nicht sagen, ob das für dich auch nicht gut ist; ich kann nur sagen, wie ich damit umgehe.»

Diese Durchlässigkeit ermöglicht eine Beziehung, die deutlich über ein klassisches Lehrer-Schüler-Verhältnis hinausgeht: «Mittlerweile kennen wir uns so gut, er muss nicht mal mehr fragen: Was willst du denn da eigentlich? Am Ende des Tages sagt er: Mach, was du willst – du bist ein eigener Mensch. Es ist einfach spannend, im Austausch zu sein über Dinge, die einem am Herzen liegen. Und das mit Menschen, die einem auch am Herzen liegen.»

Die Kugelschreiber-Methode

Lukas Sternath hat Freude an dem Gedanken, dass sich das Unterrichten auch für die Lehrenden «gar nicht nach Einbahnstrasse anfühlen» muss: «Es bewegt einen ja dann auch, was die Schüler*innen bewegt. Man reflektiert darüber, wenn man dafür offen ist und nicht einfach nach dem diktatorischen Prinzip handelt, sondern wirklich aus tiefster Liebe und Verbundenheit.» Diese Worte klingen in der charakteristischen Färbung des gebürtigen Wieners weniger esoterisch, als man denken könnte, sondern viel mehr authentisch und wie von einer alten Seele gesprochen.

Und diese zeigt sich sehr verletzlich, als er von Igor Levits Erfahrungen mit einem seiner Lehrer hört: Prof. Karl-Heinz Kämmerling, der zahlreiche bekannte Pianist*innen hervorgebracht hat, schrieb mit Kugelschreiber in die Noten seiner Schüler*innen. «Ich muss mich jetzt ganz kurz von dem Bild erholen: der Kugelschreiber auf dem Notenpapier. Das tut ganz tief drinnen weh.» Denn Lukas Sternath selbst bevorzugt das blanke Notenpapier mit den Eintragungen des Komponisten oder der Komponistin. «Jetzt bin ich viel mit dem Tablet unterwegs: Da hat man verschiedene Ebenen, und dann blendest du die aus und ein. Aber dieses Permanente des Kugelschreibers, das macht mich wahnsinnig. Das fühlt sich übergriffig an. Ich stülpe dir etwas über und das ist gesetzt. Das kannst du nicht ausradieren, fast wie eine Narbe. Damit musst du dann leben.»

Eine tiefe Sehnsucht

Vielleicht ist die Narbe bei Igor Levit weniger tief, denn interessanterweise benutzt er in dem eingangs erwähnten Videoporträt selbst einen Kugelschreiber für seine Eintragungen in die Noten. Es ist möglicherweise ein zu vernachlässigendes Detail, und doch sagt es viel aus über Prägung und Selbstwirksamkeit, über klare Kanten und rote Linien – im Umgang mit sich und anderen.

Was Igor Levit und Lukas Sternath zweifellos eint, ist die Überzeugung, dass ein Miteinander unersetzlich ist – sei es in einer demokratischen Gesellschaft oder im Konzertsaal: «Wenn ich auf einer Bühne stehe und spiele, dann freue ich mich, dass ich gerade für andere da sein kann», so Sternath. Ähnlich dürfte sich auch Igor Levit gefühlt haben, als er während der Pandemie mit seiner täglichen Dosis Musik für viele eine Art Seelenapotheker war.

«Wir haben uns ja alle frei dafür entschieden, dass man jetzt hier sitzt», fährt Sternath fort. «Und das macht diesen Moment auch so besonders: dieses Total-im-Moment-sein, dieser Flow- Zustand. Das ist, glaube ich, eine tiefe Sehnsucht in uns allen. Und das ist auch ein grosser Teil, warum ich das mache, was ich mache.» Eintauchen, gemeinsam, miteinander und füreinander, aus freien Stücken – was für ein Fundament.

Februar 2027
Mi 03. Feb
19.30 Uhr

Tugan Sokhiev & Lukas Sternath

Tonhalle-Orchester Zürich, Tugan Sokhiev Leitung, Lukas Sternath Klavier Schumann, Berlioz
Do 04. Feb
19.30 Uhr

Tugan Sokhiev & Lukas Sternath

Tonhalle-Orchester Zürich, Tugan Sokhiev Leitung, Lukas Sternath Klavier Schumann, Berlioz
Mai
So 30. Mai
19.30 Uhr

Klavierrezital: Igor Levit

Igor Levit Klavier Beethoven
Mo 31. Mai
19.30 Uhr

Klavierrezital: Igor Levit

Igor Levit Klavier Beethoven
Juni 2026
Sa 20. Jun
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Klavierrezital: Igor Levit

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Fr 19. Jun
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Galakonzert Freundeskreis

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Igor Levit Klavier Brahms, Schumann
IM VERKAUF
Do 18. Jun
19.30 Uhr

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Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Igor Levit Klavier Brahms, Schumann
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Mi 17. Jun
19.30 Uhr

Paavo Järvi & Igor Levit

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Igor Levit Klavier Brahms, Schumann
Restkarten
veröffentlicht: 04.06.2026

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