Mari Parz, Seiko Périsset-Morishita, Yukiko Ishibashi, Mio Yamamoto, Andreas Janke (v.l.n.r.) (Foto: Gaëtan Bally)
Japan-Tournee

Japan – Zürich – Japan

Fünf japanische Musiker*innen erzählen von ihrem Weg nach Zürich und worauf sie sich freuen bei der bevorstehenden Tournee. Und sie verraten ihre Lieblings-Sprichwörter.

Susanne Kübler

Wie seid ihr zur Musik gekommen?

Mio Yamamoto: Meine grössere Schwester begann, Geige zu spielen, als ich zwei Jahre alt war. Ich wollte das unbedingt auch, musste aber bis zum vierten Geburtstag warten. Ich war so glücklich, als ich mein Instrument bekam! Lange blieb es ein Hobby, ich habe mich erst mit 17 Jahren für ein Studium entschieden. Meine Lehrerin wurde ganz blass, als ich ihr das sagte – mein Niveau war damals noch nicht besonders hoch. Ich bin ihr enorm dankbar, dass sie mich bei der Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung so sehr unterstützt hat.

Mari Parz: Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich zum ersten Mal eine Violine in der Hand hatte. Das muss sehr früh gewesen sein – meine Eltern waren beide Hobbygeiger. An den Wochenenden haben wir immer zusammen gespielt. Da ich irgendwann mehr wollte, habe ich mich für ein Studium in Osaka entschieden. Ich war aber lange nicht sicher, ob ich von der Musik leben werde. Das wurde erst konkret, als ich nach Wien wechselte.

Yukiko Ishibashi: Meine Mutter war Opernsängerin, mein Vater ein Hobbydirigent, der auch gern die Bambusflöte Shakuhachi spielte. Bei uns zu Hause gab es immer Musik, klassische und traditionelle. Ich habe zunächst in Japan studiert, aber dann wollte ich mehr über die Hintergründe erfahren. Ich wollte wissen, wie die Musik in einer europäischen Kirche klingt, wie der Bogenstil in der Heimat der Geige ist. Deshalb bin ich mit 21 Jahren nach Europa gekommen.

Seiko Périsset-Morishita: Schon mein Grossvater liebte klassische Musik, daher ist meine Mutter mit einem Klavier aufgewachsen – das war damals nicht üblich. Sie wollte studieren, musste jedoch ihren jüngeren Brüdern den Vortritt lassen. Deshalb hat sie uns sehr gefördert. Als ich mit der Geige anfing, hat sie gleichzeitig Cello gelernt. Wir spielten zusammen in einem Amateur-Orchester, das war eine schöne Zeit. Mit 15 Jahren habe ich dort aber aufgehört, weil ich mich auf die Aufnahmeprüfung in Tokio vorbereiten wollte.

Andreas Janke: Meine Mutter ist einst aus Japan nach München gekommen, um Klavier zu studieren, und ist dann geblieben; mein Vater war ebenfalls Pianist. Überspitzt gesagt wussten meine Eltern schon vor unserer Geburt, welche Instrumente wir vier Kinder bekommen würden … Meine musikalische Ausbildung war absolut europäisch geprägt, aber ansonsten wurde ich sehr japanisch erzogen. Japanisch war meine erste Sprache, und ich habe jeden Samstag die japanische Schule besucht. Heute spreche ich auch mit meiner Tochter Japanisch.

Mari Parz: Mein Lieblings-Sprichwort

雨降って地固まる
(Ame futte ji katamaru)

Das heisst: «Nach dem Regen festigt sich der Boden.» Es bedeutet, dass schwierige Zeiten oder Krisen eine Situation nicht nur bereinigen, sondern das Fundament für die Zukunft sogar noch stabiler und stärker machen. Ohne Regen gäbe es auch keinen fruchtbaren Boden.

Wie verlief euer Weg nach Zürich?

Mio: Ich wollte nach dem Studium in einem europäischen Orchester spielen. Eine Freundin lebte in Winterthur, per Fax habe ich sie gefragt, ob ich drei Monate bei ihr wohnen könne, um einen Job zu suchen. Ich stellte mir das ganz einfach vor, denn ich wusste nicht, dass es in Europa Einladungen für Probespiele braucht! Ich habe mich für etwa fünfzig Vorspiele beworben, aber bloss zwei Einladungen bekommen, da ich nur in Japan studiert hatte. In Hamburg erhielt ich dann eine Stelle, konnte sie jedoch nicht antreten, weil es für eine Tutti-Position keine Arbeitsbewilligung gab. Aber die Leute dort waren nett, ich durfte ein Konzertmeister-Vorspiel machen, so hat es doch noch geklappt. Aber es gefiel mir nicht, ich wollte Tutti spielen. Deswegen habe ich mich in Zürich beworben – und diesmal wurde ich eingeladen, weil ich bereits eine Stelle in Europa hatte. Der Stil hier ist schon sehr anders als in Japan, etwa das Vibrato.

Mari: Ich war 22, als ich nach Wien ging, um weiter zu studieren. In Japan gab es alle sechs Monate Prüfungen, in Wien hatte ich bis zur Abschlussprüfung vier Jahre Zeit und konnte mich in Ruhe mit etwas befassen. Das erste halbe Jahr habe ich nichts anderes getan, als leere A-Saiten- Longtones zu streichen. Ich wurde regelrecht auf die absoluten Basics zurückgeworfen. Ausserdem war ich damals fast jeden Abend im Konzert, die Stehplätze waren billig. Das war unglaublich inspirierend! Nach dem Studium spielte ich ein Jahr im Radio-Symphonieorchester Wien, danach bekam ich meine Stelle in Zürich.

Yukiko: Ich kam mit 21 Jahren nach Lübeck, zu Zakhar Bron, und dann schon nach kurzer Zeit nach Winterthur zum Studieren. Danach konnte ich ein Praktikum im Tonhalle-Orchester Zürich machen und erhielt im Anschluss eine feste Stelle. Eigentlich wollte ich nur ein Jahr bleiben und dann nach Japan zurückgehen. Aber dann lernte ich meinen Mann kennen. Und die Bedingungen waren ideal, ich konnte mein Pensum so wählen, dass ich genügend Zeit für Kammermusikprojekte und die Familie habe.

Seiko: Nach dem Studium in Tokio wurde mir ein Professor in München empfohlen, aber das hat nicht gepasst. Ich habe dann angefangen, an verschiedenen Orten bei Lektionen zuzuschauen – so kam ich zu Nora Chastain nach Winterthur. Während des Studiums habe ich etwa drei Jahre lang als Zuzügerin im Tonhalle- Orchester Zürich spielen dürfen; als meine Aufenthaltsbewilligung nur noch drei Monate dauerte, habe ich eine feste Stelle bekommen. Inzwischen habe ich mehr als mein halbes Leben in der Schweiz verbracht.

Andreas: Es war Zufall! Ich war 22 Jahre alt und hatte noch nicht einmal meinen Bachelor-Abschluss, als mich mein Lehrer auf die Stelle in Zürich hinwies. Ich habe dann als 2. Konzertmeister begonnen, zwei Jahre später wechselte ich ans erste Pult.

Yukiko Ishibashi: Mein Lieblings-Sprichwort

不撓不屈
(futōfukutsu)

Das Sprichwort meint, dass man sowohl flexibel als auch unerschütterlich sein soll. Der Baum, der diesen Zustand ideal verkörpert, ist die Weide: Sie bricht nicht, wenn Schnee fällt, und richtet sich danach wieder auf.

Wenn ihr nun auf Japan-Tournee geht: Worauf freut ihr euch am meisten?

Mio: Auf die Konzertsäle, sie sind ganz anders als in Europa. Ich bin gespannt auf die Sumida Triphony Hall in Tokio, da waren wir noch nie. Und dann freue ich mich darauf, meiner Familie und meinen Freunden unsere Arbeit vorstellen zu können.

Mari: Ich bin stolz, wenn ich mit unserem Orchester in Japan spielen kann. In den dortigen Orchestern ist Präzision das wichtigste Kriterium. Wir sind auch präzis, aber gleichzeitig können wir sehr persönlich gestalten. Diese Mischung finde ich wirklich besonders.

Seiko: Eine Japan-Tournee mit unserem Orchester bedeutet für mich eine Verbindung meiner beiden Heimaten. Ich komme aus der Nähe von Sapporo, dort spielen wir leider nicht. Aber einige Freunde und Verwandte reisen extra nach Tokio oder Osaka, das berührt mich sehr.

Yukiko: Ich bin glücklich, dass wir unser Orchester in Japan präsentieren können. Ich finde, wir haben uns in den letzten Jahren immer weiterentwickelt, wir haben einen so schönen, warmen und durchsichtigen, aber trotzdem vielschichtigen Klang in den Streichern. Und die Bläser sind fantastisch! Die Tournee endet in Osaka, wo ich aufgewachsen bin – da werden viele kommen, die ich kenne.

Andreas: Ich freue mich auf das Essen! In Japan kann man in die kleinsten, einfachsten, billigsten Restaurants gehen: Es ist immer gut.

Mio Yamamoto: Mein Lieblings-Sprichwort

七転び八起き
(Nanakorobiyaoki)

Das heisst: «Siebenmal stürzen, achtmal aufstehen.» Oder anders gesagt: Man soll nie aufgeben!

Was ist anders bei Konzerten in Japan?

Mio: In Japan gibt es keine historischen Säle, aber sehr gute moderne. Die Akustik ist herausragend.

Mari: Die Säle sind viel grösser als in Europa! Und akustisch so präzis getunt, dass die einzelnen Töne den Raum wie ein Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszug durchqueren – kristallklar und pfeilschnell bis zum letzten Sitzplatz.

Seiko: Das Publikum in Japan ist extrem diszipliniert, es ist immer absolut still im Saal. Da hustet niemand! So spüren wir auch auf der Bühne eine grosse Konzentration.

Yukiko: Nach den Konzerten warten jeweils viele Leute am Künstlereingang. Paavo ist enorm beliebt in Japan, und auch wir sprechen mit ihnen. Manchmal erhalten wir sogar Geschenke, Süssigkeiten oder Blumen.

Andreas: Die Stimmung im Saal ist anders, man spürt eine enorme Intensität beim Zuhören. Es gibt in Japan zahlreiche Musikliebhaber, die unendlich viel wissen. Auch der Applaus klingt anders als in Zürich: heller, schneller.

Seiko Périsset-Morishita: Mein Lieblings-Sprichwort

随処作主
(Zuisyo Sakusyu)

Das bedeutet: An jedem Ort bei sich selbst bleiben.

Was macht ihr in der freien Zeit?

Mio: In die Läden gehen! Nicht nur zum Einkaufen, sondern um die vertraute Atmosphäre zu geniessen und die Art, wie man begrüsst wird.

Mari: Ich werde Freunde treffen, mich umschauen, was gerade Mode ist – und das Heimatgefühl geniessen.

Yukiko: Diesmal werde ich unterrichten. Ich freue mich sehr darauf, dass ich meine Erfahrungen weitergeben kann. Ausserdem werde ich meinen früheren Lehrer treffen. Und dass ich lecker essen und mit meiner Mutter Thermalbäder besuchen werde, versteht sich von selbst.

Seiko: Ich nehme meine Tochter mit, sie wird bei meiner Schwester in Tokio wohnen. In der freien Zeit werde ich mit ihr etwas unternehmen. Nach dem Ende der Tournee kommen auch mein Mann und mein Sohn, dann bleiben wir als Familie noch zehn Tage in Japan.

Andreas: Ich habe Freunde aus der japanischen Schule in München, die später zurückgegangen sind. Sie werde ich auf jeden Fall treffen. Ansonsten plane ich nichts, ich lasse mich von der Stimmung leiten.

Andreas Janke: Mein Lieblings-Sprichwort

石の上にも三年 
(ishi no ue nimo sannnen)

Wörtlich übersetzt bedeutet das: «Auch auf einem Stein drei Jahre.» Damit ist gemeint, dass Geduld und Beharrlichkeit selbst in den schwierigsten oder unangenehmsten Situationen zum Erfolg führen werden; selbst ein kalter Stein wird warm, wenn man lange genug darauf sitzt.

Wenn ihr nach Tipps gefragt werdet: Welche gebt ihr?

Mio: Es gibt in Japan ungefähr 3’000 heisse Quellen (Onsen) mit schönen traditionellen Hotels (Ryokan).

Mari: Hinaus in die Natur! Japan hat viele Nationalparks. Man lässt die Millionenmetropolen hinter sich, fährt ein paar Stunden durch Reisfelder und ist plötzlich in einer vollkommen friedlichen Bergwelt. Die Natur ist streng geschützt und ganz anders als in der Schweiz. Ob Kirschblüten im Frühling oder das bunte Laub im Herbst – das muss man wirklich einmal erlebt haben.

Yukiko: Wenn mich jemand in Osaka fragt, rate ich, nach Kyōto zu fahren! Das sind nur zwanzig Minuten im Zug. In Osaka kann man zwar sehr gut essen, aber kulturell hat Kyōto viel mehr zu bieten.

Seiko: In Tokio ist der Fischmarkt immer ein Erlebnis. Da kann man morgens um fünf das frischeste Sushi essen. Sonst lohnt sich ein Besuch auf dem Skytree – das ist einer der höchsten Türme der Welt.

Andreas: Am besten erlebt man einfach die Städte, das Nebeneinander von uralten Tempeln und modernen Wolkenkratzern. Oder auch den Service in Läden und Restaurants: Der ist in Japan wirklich einzigartig.

Mai 2026
So 17. Mai
13.30 Uhr

Gastspiel in Yokohama

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Janine Jansen Violine Schumann, Brahms, Tschaikowsky
Mo 18. Mai
19.00 Uhr

Gastspiel in Tokio

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Kyohei Sorita Klavier Beethoven, Bruckner
Di 19. Mai
19.00 Uhr

Gastspiel in Tokio

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Janine Jansen Violine Schumann, Brahms, Tschaikowsky
Do 21. Mai
19.00 Uhr

Gastspiel in Tokio

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Kyohei Sorita Klavier Schumann, Beethoven, Tschaikowsky
Fr 22. Mai
18.45 Uhr

Gastspiel in Nagoya

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Kyohei Sorita Klavier Schumann, Beethoven, Tschaikowsky
Sa 23. Mai
14.00 Uhr

Gastspiel in Osaka

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Kyohei Sorita Klavier Beethoven, Bruckner
veröffentlicht: 11.05.2026