Farben und Facetten
Die Saison 2026/27 bringt zahlreiche neue Facetten ans Licht. Wofür steht Beethoven im Jahr seines 200. Todestages? Welche Farben entdeckte Mahler beim Klassiker neu? Ist Georgien die neue Talentschmiede der Musik? Und womit bringen wir Klaviere zum Schmelzen und den Saal zum Brodeln? Music Director Paavo Järvi und Intendantin Ilona Schmiel teilen mit uns ihre Ideen zur neuen Saison und ihren Programmhighlights.
Ilona, was erwartet uns Überraschendes in der Saison 2026/27?
IoS Auch wenn es eine angekündigte Überraschung ist: Bei Beethoven gibt es immer Neues zu entdecken. Und wir wollen Beethoven von einer anderen Seite zeigen. Ausserdem gab es drei Debüts, die 2024 und 2025 sehr erfolgreich waren: Nun freuen wir uns sehr, dass Nathalie Stutzmann, Tugan Sokhiev und Santtu-Matias Rouvali zu uns zurückkehren. Hinzu kommen die Debüts von Mirga Gražinytė-Tyla und Hannu Lintu. Und drittens: Rossini. Seine Oper «La scala di seta» realisieren wir in einer halbszenischen Produktion mit Jan Willem de Vriend und in der Regie von Eva Buchmann.
Paavo, was ist das Aufregendste für dich in der nächsten Saison?
PJ Wir haben ein Prokofjew-Projekt gemeinsam mit der Oper Zürich – eine schöne Fortsetzung, die Zusammenarbeit mit der Oper zu zeigen und gleichzeitig mehr Gewicht auf Prokofjew zu legen. Er ist ein fantastischer Komponist, dessen Sinfonik leicht unterschätzt wird. Wir spielen einige seiner Sinfonien, die selten aufgeführt werden, wie Nr. 4 und Nr. 7. Für mich ist auch der Beethoven-Schwerpunkt ein absolutes Highlight: die Missa Solemnis, die Neunte Sinfonie in der Fassung von Mahler. Ausserdem setzen wir unseren Mahler-Zyklus fort, und Dieter Ammann ist unser Creative Chair – nach vielen Jahren ein Schweizer Komponist.
Ilona, was verbindest du mit unserem Creative Chair Dieter Ammann?
IoS Ich freue mich riesig auf Dieter Ammann als Creative Chair. Das ist nun möglich, weil wir uns eng mit dem Lucerne Festival abgestimmt haben. Er war der gesetzte Creative Chair, wenn wir in die Schweizer Musikszene hineinhorchen – einer, der hervorragend für Orchester schreiben kann. Das Werk «glut», das wir vor einigen Jahren als Uraufführung präsentiert haben und das inzwischen Repertoire geworden ist, steht bespielhaft für Dieter Ammann: Er versteht es, grosse Komplexität in eine eigene Klangwelt zu übertragen und für die Instrumente eine adäquate, eigene Sprache zu schaffen.
Paavo, kennst du seine Klangsprache bereits?
PJ Ich habe noch nichts von ihm dirigiert, aber sehr viel gehört − in der Vorbereitung für die Stückauswahl so gut wie alles, was verfügbar war. Er ist ein Meister der Farbe und der Instrumentierung. In der heutigen Welt schreiben viele Komponist*innen für kleinere Ensembles oder mit Ideen aus anderen Genres, aber man spürt, welche Herausforderung es ist, das gesamte Orchester zu nutzen. Bei Dieter Ammann ist das anders: Er weiss genau, wie er das Orchester zum Strahlen bringt, und das Orchester klingt bei ihm immer gut. Ausserdem hat seine Musik eine physische Präsenz, die man im Konzertsaal unmittelbar spürt.
Dieter Ammann bezieht auch sonst klar Position. Inwiefern ist das von Bedeutung?
IoS Es ist wichtig, dass er Position bezieht zu allem, was den Musikbetrieb betrifft. Da ist er sehr aktiv und klar in seinen Antworten. Er setzt sich für die Freiheit der Kunst ein. Als Lehrer ist er sehr gefragt und ein Vorbild darin, wie er mit den Themen unseres Musikbetriebs umgeht. Und er wird auch andere musikalische Facetten einbringen, wenn wir zum Beispiel seine eigene Band integrieren.
Bei der Saisoneröffnung präsentieren wir inzwischen jedes Jahr den neuen Creative Chair und einen der Fokus-Künstler. Wofür steht Fokus-Künstlerin Khatia Buniatishvili?
IoS Khatia ist eine absolut mitreissende, immer wieder überraschende Interpretin. Technisch überragend ist sie sowieso. Aber sie ist unberechenbar − ich liebe das. Jedes Konzert mit ihr wird zu einem einzigartigen Erlebnis, bei dem man nie weiss, welche neuen Momente sie einem Werk entlocken wird.
Paavo, was verbindet dich mit Khatia Buniatishvili?
PJ Ich verehre Khatia. Zunächst ist sie eine authentische und originelle Persönlichkeit, willensstark, mit Temperament. Sie ist Georgierin, was ich auch liebe. Aber Khatia ist vor allem eine aussergewöhnliche Pianistin. Sie ist eine jener Pianistinnen, um deren Fähigkeiten sie alle anderen Pianisten heimlich beneiden. Was ich bemerkenswert finde, ist ihre Sensibilität und Fähigkeit zur Farbe. Man könnte sagen, sie lässt das Klavier schmelzen und hat eine unglaubliche dynamische Bandbreite. Wir haben Rachmaninow und Chopin aufgenommen, aber auch schon wunderbare Konzerte von Beethoven und Mozart gespielt. Sie ist einzigartig und zufällig auch eine sehr enge Freundin von mir.
«Dieter Ammann ist ein Meister der Farbe und der Instrumentierung. Er weiss genau, wie er das Orchester zum Strahlen bringt, und das Orchester klingt bei ihm immer gut. Ausserdem hat seine Musik eine physische Präsenz, die man im Konzertsaal unmittelbar spürt.»
Paavo Järvi
Wir haben eine ganze Reihe georgischer Interpret*innen zu Gast. Ist Georgien die neue Talentschmiede der Musik?
PJ Es sieht so aus, als würden immer mehr talentierte Georgier*innen auf der Szene erscheinen. Das hat viel mit der Mentalität einer kleinen Kultur zu tun, wo man junge Künstler unterstützt und fördert. Georgien hat herausragende Musiker*innen wie Lisa Batiashvili und Khatia, und durch deren Unterstützung werden ihre Schützlinge sichtbarer. Es ist beeindruckend zu sehen, wie diese Tradition weitergegeben wird. Dieses Netzwerk aus Förderung und gegenseitiger Unterstützung schafft einen fruchtbaren Boden für die nächste Generation.
IoS Lisa Batiashvili ist eine Schlüsselperson. Sie bringt etwa Giorgi Gigashvili mit, der bei uns mit dem Orchester debütiert und in einer tonhalleLATE weitere Facetten einbringen wird. Tsotne Zedginidze hat 2024/25 in der Série jeunes gespielt und gibt nun auch sein Orchesterdebüt. Wir fühlen uns verpflichtet, solche Entwicklungen weiter zu begleiten. Das ist übrigens auch bei Lukas Sternath der Fall, der Schüler von Igor Levit ist.
Der zweite Fokus-Künstler ist Wayne Marshall. Beim letzten Mal hat er lässig zwischen Orgel und Klavier gewechselt und mit seinen Improvisationen den Saal zum Kochen gebracht. Was hat er diesmal im Gepäck?
IoS Wayne bringt als Fokus-Künstler wirklich ganz verschiedene Perspektiven und Spielarten ein: Als Organist in seinem Rezital, dann zusammen mit dem Orchester und Paavo bei Gershwins «Rhapsody in Blue» und der «Second Rhapsody». Ausserdem wird er an Silvester ein Konzert im play-conduct leiten – mit Werken von Bernstein bis Duke Ellington. Wayne verkörpert wie kaum ein anderer diese Vielseitigkeit zwischen Klassik und Jazz.
An Beethoven ist spätestens im Jubiläumsjahr 2027 kein Vorbeikommen mehr. Paavo, du bringst Beethovens Neunte in der Fassung von Mahler. Was reizt dich daran?
PJ Um es klarzustellen: Die Neunte wird als Beethovens Neunte erkennbar bleiben. Was wir Mahler-Fassung nennen, sind eigentlich Mahlers Ergänzungen. Mahler hat aufgeschrieben, was Dirigent*innen in den Proben tun: balancieren und dafür sorgen, dass wir die Innenstimmen hören. Zu Mahlers Zeit hat man hinzugefügt, verdoppelt. So werden viele, die aufmerksam zuhören, Dinge entdecken, die sie vielleicht noch nie zuvor so gehört haben – weil Mahler sie durch das Hinzufügen bestimmter Instrumente hervorhebt. Das ergibt ein etwas anderes Klangbild, eine grössere, romantischere Anlage. Aber er ist sehr nah an der Partitur geblieben. Es gibt keine einzige Note, die er geändert hat.
Es ist also der Dirigent Mahler, den wir dabei kennenlernen.
PJ Ja, das trifft es. Früher waren Dirigenten immer mit eigenem Material unterwegs, in dem alles notiert war – auch angepasst an verschiedene Aufführungsorte, angepasst an die jeweilige akustische Realität des Konzertsaals. Zu Mahlers Zeit war es normal, dass Komponisten Bearbeitungen älterer Komponisten machten – eine Form der Ehrerbietung. Die Puristen stellen das heute in Frage. Aber ich begrüsse jede Art von Experiment. Diese Bearbeitungen sind grossartig und bringen eine andere Farbe. Und sie nehmen dem Original nichts weg.
Was ist mit der Missa Solemnis?
PJ Die Missa Solemnis ist ein merkwürdiges Stück. Alle sprechen davon als Gipfelwerk von Beethovens Schaffen. Aber gleichzeitig wird sie selten aufgeführt – viel weniger als die Neunte. Das liegt am Fehlen des offensichtlichen Ohrwurm-Materials, das die Neunte durch ihr Finale hat. Es ist ein Werk, das eine gewisse innere Reife von allen Beteiligten erfordert. Man muss es fast wie einen langsamen Satz einer Bruckner-Sinfonie behandeln – langsam entstehen lassen. Es braucht Zeit, bis sich die spirituelle Dimension dieses Werks entfaltet.
IoS Wir wollten 2027 bewusst nicht die Beethoven-Sinfonien ins Zentrum stellen, sondern die Neunte in der Mahler-Version und die Missa Solemnis als singuläres Werk. Wir beleuchten ausserdem bestimmte andere Gattungen: sämtliche Klavierkonzerte mit Rudolf Buchbinder im play-conduct und alle Streichquartette mit dem Belcea Quartet und Quatuor Ébène. Hinzu kommen neue Werke im Bereich der Kammermusik, die wie Kommentare zu Beethoven gesehen werden können.
«Beethoven hat Werke geschaffen, die durch eine neue Interpretation zu einer neuen Auseinandersetzung anregen und zeigen, dass das bis heute zeitgemässe Musik ist.»
Ilona Schmiel
Ilona, Beethoven begleitet dich schon viele Jahre. Welchen Beethoven möchtest du zum 200. Todestag präsentieren?
IoS Für mich ist es ein Beethoven, der immer noch absolut relevant ist. Er hat Werke geschaffen, die durch eine neue Interpretation zu einer neuen Auseinandersetzung anregen und zeigen, dass das bis heute zeitgemässe Musik ist. Die Faszination für den Komponisten ist ungebrochen. Und wir werden Projekte haben, die ins Digitale reichen und Beethoven unmittelbar erfahrbar machen.
Paavo, du hast die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit der Oper Zürich erwähnt mit Prokofjew im Fokus. Warum Prokofjew?
PJ Prokofjew ist nach meiner Einschätzung einer der grossen Sinfoniker des 20. Jahrhunderts. Seine Sprache ist so originell und unverwechselbar. Die Entwicklung seiner harmonischen Sprache ist einzigartig. Die Fünfte wird von vielen als grösste Sinfonie des 20. Jahrhunderts betrachtet. Aber andere seiner Sinfonien − ausser Nr. 5 und der «Klassischen» Nr. 1 − werden fast nie gespielt. Die Zweite und Dritte sind brillant und Abbild der Moderne. Es braucht nur ein wenig Licht, um ihn zum Leuchten zu bringen.
Ilona, du hast Rossini erwähnt als persönlichen Saisonhöhepunkt. Warum passt Rossinis «La scala di seta» so gut in die Tonhalle?
IoS Es ist eben ein kleines, feines Schmuckstück, eine Opernkomödie – und eine schöne Ergänzung des grossen Opernrepertoires an einem Opernhaus. Auf die Bühne der Tonhalle passt so ein Einakter perfekt, relativ klein besetzt. Das Komische wird mit einem passenden Bühnenbild herausgearbeitet, das auf die Tonhalle-Bühne zugeschnitten ist. Für unser Orchester ist es eine schöne Abwechslung, ab und zu Oper zu spielen. Es schärft das Gehör für Gesangslinien und dramatische Bögen.
Am Ende der Saison wird das tonhalleAIR zum zweiten Mal stattfinden. Paavo, mit welchem Gefühl denkst du an dieses besondere Festival?
PJ Ich liebe dieses Format, weil es uns mitten in die Stadt bringt. Die Philosophie des Hinausgehens, der Zugänglichkeit, wird so wirklich gelebt. Bei einem Freiluftkonzert sind die Dinge einfach und unkompliziert, voller Freude und Spass. Wir akzeptieren und umarmen all die anderen Klänge, die die Stadt mitbringt. Ich liebe es, wenn man zwischendurch Menschen aller Altersgruppen lachen hört, wenn diese natürliche Interaktion da ist. Gleichzeitig geben wir unser Bestes, auf dem gewohnt hohen Niveau. Aber ich mag die Tatsache, dass wir so nah an den Menschen sind – nicht nur das Publikum zu uns bringen, sondern wir treffen uns mit dem Publikum einfach im Herzen der Stadt Zürich.
