Alma Mahler-Werfel

«Ich stecke voller Rätsel»

Kaum eine Figur der Kulturgeschichte fasziniert und polarisiert so sehr wie Alma Mahler-Werfel. Vor allem als Femme fatale wahrgenommen, steht sie in der Reihe «Literatur und Musik» als Liedkomponistin und Verfasserin von Tagebüchern im Fokus.

Was wurde diese Frau mit Titeln überhäuft: vom «schönsten Mädchen Wiens» über die «unbezähmbare Muse» bis hin zur «Witwe im Wahn». Und was wurde für sie um Berufsbezeichnungen gerungen: Muse, Salonnière, Komponistin, natürlich Ehefrau und Mutter, Witwe, Geliebte bis hin zur Ehebrecherin. All das war sie – und doch bleibt sie schwer zu greifen. Fest steht, dass ihr Einfluss auf das gesellschaftliche Leben und zahlreiche Künstler in ihrem Umfeld immens war. Alma, 1879 geborene Schindler, spätere (und verwitwete) Mahler, geschiedene Gropius, noch spätere Werfel, hat diesen Umstand 1962, zwei Jahre vor ihrem Tod, in einem Brief an Willy Haas selbst kommentiert: «Niemandem wird es gelingen, mich vollkommen zu beschreiben, nicht einmal mir selber ist es gelungen. Ich stecke voller Rätsel, die nicht zu lösen sind. In ferneren Tagen wird man von mir sagen: Sie ist eine Sphinx gewesen.»

«Leidenschaftliches Wesen»

Die Rätselhaftigkeit und die Ambivalenzen sind es denn auch, die sie über so viele Jahrzehnte hinweg präsent gehalten haben. Und dies wurde, wie bereits aufgrund ihrer eigenen Äusserung zu erahnen ist, durch Selbstinszenierung vorangetrieben. Während die sogenannten «Tagebuch-Suiten» zu Beginn nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, formte und überformte Alma in späteren Jahren ganz bewusst ihre Wahrnehmung in der Gesellschaft und damit auch das spätere Geschichtsbild ihrer selbst.

Umso bemerkenswerter ist, dass schon in Willy Haas' Vorwort zu ihrer Autobiografie «Mein Leben» die Rede davon ist, dass ihre Darstellungen darin abgemildert wurden. Denn: «Alma war und ist ein leidenschaftliches Wesen in ihren Sympathien, aber auch in ihren Antipathien. Von den Objekten ihrer Sympathie leben noch einige – und auch von denen ihrer Antipathie. Sie hatte viele hellsichtige Urteile gefällt, doch auch manche irrtümliche und gefährliche.»

Dieses «riesige Kompendium der grossen Liebe und Güte, des Hasses, der Hellsichtigkeit, der Blindheit in einer der wichtigsten Epochen des deutschen Geisteslebens» spiegelt die Ambivalenzen der Frau, die als scharfzüngige Antisemitin trotzdem zwei jüdische Männer heiratete, die trotz grossen Talents am Klavier nicht stärker intervenierte, um ein Studium zu forcieren, und die trotz verheissungsvoller Anfänge im Komponieren nach dem Tod Mahlers nur noch sporadisch daran anknüpfte.

Mahler als Wendepunkt

Die ersten Fragezeichen in Bezug auf Gustav Mahler setzte sie selbst bereits in ihren frühen Tagebucheinträgen. Sie pendelte innerhalb weniger Tage und Wochen zwischen hingebungsvollster Bewunderung für den Wiener Hofoperndirektor («ich denke nur an ihn, nur an ihn», 28. November 1901) und fast schon körperlicher Abwehr gegenüber einem Menschen, der ihr «von ferne eigentlich näher gestanden» habe «wie von nah»: «Mir graut’s» (Tagebucheintrag, 03. Dezember 1901). Hinzu kam von Beginn an folgendes Verdikt: «Als Komponist glaube ich nicht an ihn.» Dieses Urteil wog schwerer, als sie vielleicht noch vor der Hochzeit ermessen konnte. Denn bald darauf sollte ihr Gustav Mahler mit Blick auf die anstehende Heirat ein folgenreiches Zugeständnis abringen. Im legendären Brief vom 19. Dezember 1901 stellte er eine Frage, mit der Alma, die sich selbst als Komponistin definierte, wohl nicht gerechnet hatte – obwohl die Konventionen der Zeit auf seiner Seite waren: «Ist es Dir möglich, von nun an meine Musik als die Deine anzusehen?»

Nach dem, was sie zuvor in ihr Tagebuch notiert hatte, hätte es eigentlich nur eine Option geben können. Sie haderte am nächsten Tag, sprach von einem «ewigen Stachel», der zurückbleiben werde: «Mein erster Gedanke war – ihm abschreiben». Dennoch hielt sie bereits zwei Tage nach dem Brief fest: «Ja – er hat recht – ich muss ihm ganz leben». Der Form nach also kein explizites «Komponierverbot», als das es später in die Geschichte einging, und doch ein implizites – und über weite Strecken gelebtes. Auch wenn Alma bei Mahlers Werken wohl häufiger die Finger im Spiel hatte, als nachzuweisen ist.

Damit war der kompositorische Rückenwind verpufft, den Alma unmittelbar zuvor verspürt hatte. Alexander Zemlinsky war massgeblich für den Aufschwung verantwortlich gewesen: Nachdem sie auf Empfehlung ihrer Klavierlehrerin schon seit 1895 Kompositionsunterricht bei Josef Labor hatte, war er es, der sie ermutigte, zu einem eigenen Stil zu finden. Die Lieder, die sie komponierte, entsprachen durchaus dem Zeitgeist der Wiener Jahrhundertwende zwischen ausklingender Romantik und Moderne.

Verlorene Idylle

Sie nutzte die lyrischen Stücke als Sprachrohr für ihr Innerstes – so etwa «In meines Vaters Garten». In diesem Lied erinnert sie an den früh verstorbenen, geliebten Vater und gedenkt einer verlorenen Idylle ihrer Kindheit. Es ist Teil der Sammlung «Fünf Lieder», die zwar bereits um 1900/01 entstanden war, aber aufgrund der Heirat mit Mahler in ihrer Kompositionsmappe verschwand, bis dieser sie selbst 1910 zur Veröffentlichung bei der Universal Edition empfahl. Diese Kehrtwende lässt sich nur vor dem Hintergrund der Ehekrise verstehen: Im Angesicht des Verlusts seiner Frau an deren Geliebten Walter Gropius hofierte er die Komponistin.

Es folgten weitere «Vier Lieder» von Alma, deren Entstehen Mahler noch wohlwollend begleitete, die jedoch erst nach dessen Tod publiziert wurden. Bezeichnenderweise zierte eine Zeichnung von Oskar Kokoschka den Umschlag, mit dem Alma um 1913 liiert war, der sie aber nicht zu einer Heirat bewegen konnte. Stattdessen ging sie eine Ehe mit ihrem einstigen Geliebten Walter Gropius ein: 1915, inmitten des Ersten Weltkriegs, diente Gropius an der Front. Im selben Jahr vertonte Alma «Der Erkennende» von Franz Werfel, das im Zentrum ihres dritten und letzten, 1925 veröffentlichten Liederzyklus steht. Dort heisst es: «Eines weiss ich: nie und nichts wird mein. Mein Besitz allein, das zu erkennen.» Damit kam der spätere Ehemann Alma Mahler-Werfels Wesen vielleicht näher als viele andere zuvor – dem Wesen einer Frau, die sich trotz Fügung in Konventionen nie besitzen liess.

März 2026
So 22. Mrz
11.15 Uhr

Literatur und Musik: Delia Mayer liest Alma Mahler

Delia Mayer Lesung, Theresa Pilsl Sopran, Hendrik Heilmann Klavier, Laurenz Lütteken Einführung Gustav Mahler, Alma Mahler-Werfel, Alexander von Zemlinsky, Alban Berg , Alma Mahler-Werfel
veröffentlicht: 02.03.2026

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