Kirill Gerstein (Foto: Marco Borggreve)
Fokus-Künstler Kirill Gerstein

«Ich staune gerade selbst»

Muzzano und Engelberg, die Kartause Ittingen und immer wieder die Tonhalle Zürich: Etliche Schlüsselmomente in der Karriere des Pianisten Kirill Gerstein fanden in der Schweiz statt.

Susanne Kübler

Kirill Gerstein wurde 1979 im russischen Woronesch geboren, wanderte mit 14 Jahren in die USA aus, lebt nun seit langem in Berlin – und sagt nach ein paar Minuten Telefongespräch: «Ich staune gerade selbst, wie vieles in meinem Leben mit der Schweiz verbunden ist.»

Die erste Verbindung, damals ins Tessin, war ebenfalls eine telefonische. Kirill Gerstein rief noch als Teenager und Student am Berklee College of Music in Boston den bulgarischen Pianisten Alexis Weissenberg an, der in Muzzano bei Lugano lebte: «Ich sagte ihm, dass ich ihm gerne vorspielen würde. Er fragte nur: Warum?» Die Antwort – dass ihn Weissenbergs Aufnahmen faszinierten, vor allem jene von Bachs Partita Nr. 4 – muss überzeugend gewesen sein, jedenfalls erhielt Gerstein eine Einladung nach Muzzano. «Weissenberg war sehr nett, wir haben einen ganzen Tag lang gespielt, geredet, wieder gespielt. Am Ende hat er mich aufgefordert, seine Meisterkurse im Kloster Engelberg zu besuchen.»

Zwei Mal reiste der junge Pianist danach zu diesen Kursen, wo er unter anderem den Zürcher Bankier Nicolas de Buman kennenlernte – und über diesen Mischa Damev, der damals die Orpheum Stiftung leitete. Diese Zürcher Stiftung fördert junge Solist*innen, indem sie ihnen Auftritte mit bedeutenden Orchestern ermöglicht. Einen solchen Auftritt habe ihm Damev in Aussicht gestellt, erzählt Kirill Gerstein, «doch jungen Musikern werden viele Dinge versprochen, und meistens wird nichts daraus». In diesem Fall war das anders: Am 23. September 2000 spielte er, 21 Jahre alt, in der Tonhalle Zürich unter der Leitung von David Zinman das Klavierkonzert Nr. 1 von Brahms.

Kann man sagen, dass dieses Konzert der Anfang seiner Karriere war? «Ja, schon», meint Gerstein. Zwar sei er bereits früher da und dort aufgetreten, «aber noch nie mit einem so guten Orchester». Die Zusammenarbeit mit David Zinman, der schöne Saal, «das war ein beglückendes Erlebnis für mich». Und im Publikum sass nicht nur Alexis Weissenberg, sondern auch ein Agent, der ihm seinen ersten Management-Vertrag anbot: «So fing das alles langsam an.»

Jazz oder Klassik?

Die Betonung liegt auf «langsam». Kirill Gerstein ist froh darüber, dass seine Karriere nicht «von null auf hundert» explodiert ist, «es ging alles Schritt für Schritt». So wurde er nicht überrumpelt von den Ereignissen, sondern konnte sie steuern, und das hiess in seinem Fall: künstlerische Autobahnen vermeiden, eigene Wege suchen.

Das hatte er immer schon getan. Lange war unklar, ob es ihn eher in Richtung Jazz oder Klassik ziehen würde. Und als er sich wegen des immensen Repertoires für die Klassik entschloss, bedeutete das keineswegs das Ende seiner Liebe zum Jazz: Die Freude am Improvisieren, Experimentieren und Entdecken blieb, ebenso die Abneigung gegen das allzu Offensichtliche, Vordergründige. Nach einem weiteren Auftritt in der Tonhalle, bei dem er ein Jahr nach dem folgenreichen Debüt Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 3 spielte, schloss ein Zürcher Kritiker seine überaus positive Kritik denn auch mit einem Satz, der fast schon prophetische Qualitäten hatte: «Bleibt für ihn zu hoffen, dass man auch ohne grosse Gesten und Mätzchen Karriere machen kann.»

Grosse Gesten und Mätzchen überlässt Gerstein bis heute lieber anderen. Zwar gehöre ein bisschen Show dazu, sagt er, «das ist nicht zu bestreiten». Entscheidend sei, dass man authentisch bleibe, «Ehrlichkeit ist wichtig, im Leben wie auf der Bühne. Ich wäre allergisch dagegen, etwas zu tun, nur weil andere es von mir erwarten». Auch deshalb hat er nie einen Exklusiv-Vertrag mit einem grossen Label abgeschlossen: «Bei meiner kreativen Unruhe ist es sinnvoller, jedes Mal neu zu überlegen, wer die richtigen Partner sind.»

Bruno Ganz’ letzte Aufnahme

Sehr oft fand er diese Partner beim kleinen Label Myrios Classics, das zahlreiche Gerstein-Aufnahmen herausgebracht hat. Sie seien hier vielleicht weniger sichtbar als bei einem grösseren Label, sagt er, «aber ich habe sehr viel Gestaltungsfreiheit». Wie er diese zu nutzen versteht, zeigte er beispielsweise mit vierhändigen Mozart-Werken, für die er seinen langjährigen Mentor, den legendären ungarischen Pädagogen Ferenc Rados, zu einem seiner seltenen Auftritte motivieren konnte. Oder mit dem Doppelalbum «Music in Time of War», das Werke von Debussy und dem armenischen Komponisten Komitas aus der Zeit des Ersten Weltkriegs enthält – und dazu ein Booklet mit ausführlichen Essays, die diese Musik nicht nur historisch verorten, sondern auch die Gegenwart mitdenken.

Und dann ist da Richard Strauss’ Melodram «Enoch Arden» nach einer Ballade von Alfred Tennyson, für das der Pianist mit einem der beliebtesten Schweizer Schauspieler überhaupt zusammengearbeitet hat: mit Bruno Ganz. Kennengelernt hatten sie sich 2011 bei den Ittinger Pfingstkonzerten, und zunächst reagierte Ganz zurückhaltend auf Gersteins Vorschlag, dieses Werk gemeinsam aufzuführen: Er könne ja gar keine Noten lesen.

«Bruno Ganz war ein besonderer Mensch, sehr begabt, sehr warm, sehr ehrlich. Während der gemeinsamen Auftritte sind wir enge Freunde geworden.» Kirill Gerstein

Ab dann entwickelte sich eine Korrespondenz zwischen den beiden, «mit sehr viel Humor und Selbstironie». Immer wieder fragte Gerstein nach, immer wieder bat Ganz um Geduld: Entweder steckte er gerade in einem Theaterprojekt oder musste sich von einem Theaterprojekt erholen. So ging das rund zwei Jahre lang, bis eines Tages die Fotografin Ruth Walz anrief, die Partnerin des Schauspielers: Bruno Ganz habe das Stück nun gelesen und gehört und wolle es unbedingt machen, «wann kannst du kommen?».

Die Proben fanden in der Tonhalle Zürich statt, und Kirill Gerstein war beeindruckt, wie konzentriert sie abliefen: «Wir waren acht Stunden im Saal, und ich erinnere mich nicht daran, dass er je aufgestanden wäre.» Schon im Vorfeld hatte Ganz zwei verschiedene Übersetzungen von Tennysons Ballade analysiert, über Strauss’ Kürzungen nachgedacht und darüber, wo der Text vielleicht wieder ergänzt werden müsste. Später tourten sie mit dem Stück, «die Nachfrage war sehr gross, wir haben rund 40 Aufführungen gemacht». Und sie schmiedeten weitere Pläne: Viktor Ullmanns im Konzentrationslager Theresienstadt skizziertes Melodram «Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke» hätten sie gerne erarbeitet. Aber 2019 starb Bruno Ganz, die Aufnahme von «Enoch Arden» blieb seine letzte. Er vermisse ihn, sagt Gerstein, «er war ein besonderer Mensch, sehr begabt, sehr warm, sehr ehrlich. Während der gemeinsamen Auftritte sind wir enge Freunde geworden».

Eine «runde Karriere»

Auch sonst spricht er meist von Menschen, wenn er über seine Projekte redet. Von Chick Corea etwa, bei dem er mit dem Preisgeld des Gilmore Artist Award ein Stück bestellt hatte. Von seinem Jazzlehrer, dem grossen Vibraphonisten Gary Burton, mit dem er Coreas «The Visitors» zur Uraufführung brachte. Oder von Manfred Eicher, dem Labelgründer von ECM Records, dem er etliche Jahre danach einen zufällig auf seinem Computer entdeckten Mitschnitt anbot: «Eicher hat einst Burton und Corea zusammengebracht, ECM war damit der einzige mögliche Partner für diese Aufnahme.» Dies war übrigens ebenfalls eine letzte: Gary Burton hat seine Karriere vor einiger Zeit beendet, «aber er hat sich sehr gefreut über diesen unerwarteten Zuwachs zu seiner Diskografie».

Besonders häufig fällt im Gespräch der Name Thomas Adès: Der britische Komponist, Dirigent und Pianist, der in dieser Saison die Programme des Tonhalle-Orchesters Zürich als Creative Chair prägt, ist seit zwanzig Jahren ein enger Wegbegleiter von Kirill Gerstein. Auf der erwähnten CD «Music in Time of War» ist er als zweiter Pianist zu hören, als Dirigent hat er ebenfalls oft mit Gerstein zusammengearbeitet. Vor allem aber schrieb er 2018 ein Klavierkonzert für ihn, das die beiden im Juni erstmals nach Zürich bringen werden – und das zu den «grossen Gesten» gehört, die es in der Karriere dieses Pianisten eben doch auch gibt. Das Stück ist ein Erfolg, rund achtzig Mal hat er es inzwischen aufgeführt, und die Aufnahme erschien bei der Deutschen Grammophon.

Kein Zweifel, Gerstein ist ein «musician’s musician», einer, der den Austausch mit Verbündeten sucht und braucht – und dafür in ganz unterschiedliche Rollen schlüpft. Früher sei das selbstverständlich gewesen, sagt er, «Leute wie Liszt oder Chopin haben Konzerte gespielt, komponiert, unterrichtet, das war alles verbunden». Auch er verfolgt eine «runde Karriere»; das Wort Konzertpianist mag er nicht, er versteht sich als Musiker ganz allgemein, als einer, der auftritt, Projekte lanciert, zwar nicht komponiert, aber improvisiert – und seit vielen Jahren unterrichtet.

Von Havanna nach Zürich

Dabei ist es für ihn normal, «gleichzeitig Lehrer und Schüler zu sein». So fuhr er bis zu dessen Tod im Februar 2025 regelmässig zu Ferenc Rados. Gleichzeitig sind inzwischen diverse seiner Studierenden flügge geworden: Mao Fujita etwa, mit dem er kürzlich auf einer Duo-Tournee durch Japan reiste – und den in der vergangenen Saison auch das Zürcher Publikum kennenlernen konnte.

Wenn Gerstein nun selbst als Fokus-Künstler wieder in die Tonhalle Zürich kommt, rundet sich einmal mehr etwas. Diverse Erinnerungen dürften wach werden, nicht nur an seinen Karrierestart und die Proben mit Bruno Ganz, sondern auch an einen vollkommen unerwarteten Auftritt vor zweieinhalb Jahren. Er war damals in Havanna in den Ferien, «ich besuchte gerade ein Museum, als meine Agentin anrief: Ob ich am nächsten Tag in Zürich das Gershwin-Konzert proben und spielen könne, Igor Levit falle krankheitshalber aus». Er konnte. Und auch dieses Konzert hat er als beglückend in Erinnerung: «Manchmal hat man einen leichten Atem mit einem Orchester – und das war ein solcher Abend.»

Januar 2026
Mi 21. Jan
19.30 Uhr

Paavo Järvi & Kirill Gerstein

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Kirill Gerstein Klavier Adès, Rachmaninow, Bartók
Do 22. Jan
19.30 Uhr

Paavo Järvi & Kirill Gerstein

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Kirill Gerstein Klavier Adès, Rachmaninow, Bartók
Juni
Mi 24. Jun
19.30 Uhr

Thomas Adès & Kirill Gerstein

Tonhalle-Orchester Zürich, Thomas Adès Leitung, Kirill Gerstein Klavier Sibelius, Adès, Ravel, Adès
Do 25. Jun
19.30 Uhr

Thomas Adès & Kirill Gerstein

Tonhalle-Orchester Zürich, Thomas Adès Leitung, Kirill Gerstein Klavier Sibelius, Adès, Ravel, Adès
So 28. Jun
17.00 Uhr

Kosmos Kammermusik: Thomas Adès & Kirill Gerstein

Thomas Adès Klavier, Kirill Gerstein Klavier Adès, Ligeti, Messiaen
veröffentlicht: 15.01.2026

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