Grundpfeiler des Orchesters und Vertrauensperson
Seit über 40 Jahren ist Simon Fuchs als Solo-Oboist auf den Konzertbühnen präsent, 36 Jahre davon beim Tonhalle-Orchester Zürich. Anlässlich seiner Pensionierung im März schauen wir mit zwei engen Weggefährten zurück: mit Solo-Flötistin Sabine Poyé Morel und Solo-Fagottist Matthias Rácz.
Was hast du für eine Verbindung zu Simon, Sabine?
Er ist nicht nur ein sehr, sehr geschätzter Kollege, sondern auch ein Freund geworden. Und natürlich ist er ein unglaublich guter Musiker. Das wissen alle, die einmal mit ihm zu tun hatten. Es ist wahnsinnig beeindruckend, wie er als herausragender Oboist bis zum Ende seiner Karriere so ein extrem hohes Niveau behalten hat. Einen Musiker mit so viel Tiefe und Herz trifft man sehr, sehr selten. Er dient wirklich der Musik, macht niemals eine Show. Musikalisch trifft er genau die richtige Mischung aus Kreativität und viel Respekt für die Kompositionen. Hinzu kommt so eine Art Bescheidenheit, die ich sehr bewundere. Und als Mensch war er immer für mich da, in den guten und schlechten Momenten, immer unterstützend auf und auch abseits der Bühne.
Was zeichnet ihn als Musiker und als Mensch aus, Matthias?
Er ist nicht irgendjemand. Er ist einer der Grundpfeiler des Orchesters gewesen, der ganz viele Traditionen vereint: als jemand, der sehr jung ins Orchester kam; jemand, der das Musikleben in Zürich und in der Schweiz extrem bereichert hat; und jemand, der sich auch als junger Musiker ganz bewusst für eine Orchesterkarriere und eine pädagogische Laufbahn entschieden hat, obwohl er auch ein sehr gefragter Solist war. Es gibt viele gute Oboisten, aber auf Höchstlevel 36 Jahre lang wirklich abzuliefern, ist erstaunlich. Er würde heute noch im Probespiel eine richtig gute Figur machen und es jedem schwer machen, gegen ihn die Stelle zu bekommen. Davor hat man als Musiker extrem Respekt. Und er hat den Holzbläsersatz des Tonhalle-Orchesters Zürich sehr geprägt – durch seine Präsenz, ohne aufdringlich zu sein, ohne zu belehren. Ich erinnere mich, als ich ins Orchester kam, war er für mich eine dieser Vertrauenspersonen. Ich wusste sofort: Der meint es gut mit mir. Er war natürlich auch musikalisch ein grosses Vorbild. Wenn er etwas phrasiert hat, wusste ich: Da muss ich nur mitgehen. Das war etwas Besonderes.
Sabine, erinnerst du dich auch an eure erste Begegnung?
Das war bei meinem Probespiel. Es war ein bisschen speziell, denn damals gab es eine letzte Runde im Orchester und es war auch noch eine Aufnahme-Produktion. Simon hat Richard Strauss’ Oboenkonzert gespielt. Das war das erste Mal, dass ich ihn gehört habe. Und ich war sehr beeindruckt. Vor allem war es aber verrückt, dass es sofort funktioniert hat mit uns im Zusammenspiel. Das sollte auch so bleiben. Es gab immer Momente im Konzert, wo wir einen spontanen gemeinsamen Impuls oder eine Idee hatten. Wir waren erstaunt, dass so etwas passieren kann ohne Absprache. Und wir haben auch oft gelacht, wenn wir gleichzeitig witzige Dinge oder Situationen entdeckt haben.
Gibt es etwas, was typisch für ihn ist, Matthias?
Seine Einstellung zu seinem Beruf. Er war immer früh da, hat immer noch an den Rohren rumgemacht. Er hat sich immer frühzeitig einspielt, auch in einer Pause ist er nochmal auf die Bühne gegangen. Man hat von aussen schon gesehen, dass er hochprofessionell und mit der richtigen Einstellung dabei ist, mit der richtigen Konsequenz. Mit welcher Liebe er an dem Rohr, dem Holz immer weiter geforscht hat – er war Oboist mit voller Hingabe, mit ganzer Seele.
Er hat dann auch viele Dinge drumherum reduziert. Denn sein Fokus war immer, wirklich topfit für den Orchesterdienst zu sein. Das ist nicht selbstverständlich – es ginge auch anders. Aber Simon hatte da einen enorm hohen Anspruch an sich selbst.
Gibt es etwas, was du von ihm mitnimmst, Sabine?
Ja, vieles. Er hatte einen Klang, der Emotionen transportiert hat – schon allein durch seinen Klang. Das war nicht nur Timing und Phrasierung, sondern auch sein Ton. Sehr, sehr warm. Oboe kann sehr direkt klingen, wenn sie mit zu viel Nase gespielt wird. Das war bei ihm nie der Fall. Selbst wenn er laut gespielt hat, blieb der Ton rund. Er konnte auch sehr viele verschiedene Farben erzeugen, wofür andere Leute die Rohre wechseln müssen. Simon konnte in einem Moment sehr zart und zerbrechlich spielen und zwei Sekunden später sehr voll und grosszügig.
Es gibt aber noch etwas ganz anderes, was ich von ihm «mitnehme». Das ist etwas sehr Persönliches: Vor 20 Jahren hat er uns sehr geholfen mit unserer Wohnung. Ohne Simon würden wir heute nicht dort wohnen. Das hat damals unser Leben verändert und wir sind bis heute sehr glücklich.
Welche besonderen Momente verbindet ihr mit ihm?
Matthias: Es war mit Simon immer besonders, weil wir in vielen Dingen den gleichen Geschmack hatten, die gleiche Meinung geteilt haben und Situationen gleich analysiert haben. Deswegen habe ich ihn vor 10 Jahren gefragt, ob wir zusammen Vivaldi aufnehmen wollen. Wir haben dann die sechs Konzerte aufgeteilt: Er hat drei gespielt, ich habe drei gespielt und dann haben wir noch das Doppelkonzert zusammen aufgenommen. Das ist eine schöne Erinnerung, die bleibt – und es war auch Ausdruck unserer gemeinsamen Verbindung.
Sabine: Er ist ein sehr sensibler Musiker, der mich so oft zu Tränen gerührt hat. Manchmal war es sogar schwierig weiterzuspielen, weil ich so berührt war. Und er war auch selbst sehr berührt. Ich denke zum Beispiel an das «Lied von der Erde» von Mahler. Diese Ehrlichkeit und diese Liebe zur Musik. Wir konnten spüren, dass er so viel von sich gegeben hat für die Musik. Er hat immer alles gegeben. Sein ganzes Herz. Und allein, wenn ich daran denke, bin ich so berührt und so traurig, dass er geht. Man sagt ja, jeder ist ersetzbar, aber mit ihm geht ein einzigartiger Musiker.
